
Am 24.10.1990 verstarb mein Vater mit 40 Jahren an Suizid. Damals war ich 4,5 Jahre alt. Zu dieser Zeit gab es weder für meine Familie noch für mich als Kind Hilfestellungen, um das Unfassbare verarbeiten zu können. Der Suizid meines Papas wurde damals wie üblich gesellschaftlich tabuisiert und stigmatisiert. Nach seiner Beerdigung haben wir als Familie versucht, einfach weiter zu machen. Wir haben funktioniert und es irgendwie geschafft weiter zu leben. Worte über seinen Suizid gab es sehr wenige, der Schmerz, die Schuldgefühle und die Trauer saßen zu tief. Als Kind, als Jugendliche und als junge Erwachsene habe ich mich weder mit dem Leben meines Vaters noch mit seinem Suizid auseinandergesetzt. Erst mit Anfang zwanzig sagte mir eine gute Freundin, dass sie glaube, ich habe seinen Suizid noch nicht verarbeitet. Ich war damals wie vom Donner gerührt, denn in dieser Situation, der eine Krise voranging, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Noch heute bin ich ihr für ihre einfühlsamen Worte und ihre Hilfe in dieser Zeit sehr dankbar.
Daraufhin begann ich mit einer Therapie und besuchte damals zusätzlich eine AGUS Gruppe. Mit an diesem Tisch saßen viele weitere Personen, die einen nahestehenden Menschen an Suizid verloren hatten. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, nicht mehr alleine mit meinem Schicksal zu sein. Leider beschlich mich damals das Gefühl, dass ich in dieser Gruppe nicht sein sollte, denn der Tod meines Vaters lag schon sehr lange zurück. Die anderen Menschen hatten ihre Lieben entweder erst vor kurzem oder maximal vor ein paar Jahren verloren. Mein Vater lebte damals schon seit 18 Jahren nicht mehr. Es war mein einziger Besuch einer AGUS Gruppe und dennoch fühlte ich mich zum ersten und einzigen Mal verstanden und nicht mehr so einsam.
In den Jahren danach war das Thema des Suizids meines Papa immer mal wieder präsent, doch hatte ich ihn nie wirklich in mein Leben integriert, obwohl ich immer noch weiter verschiedene Therapien machte. Erst mit der Geburt meiner Tochter wurde mir bewusst, dass ich anders mit dem Tod meines Vaters und somit dem Großvater meiner kleinen Tochter umgehen möchte. Mir half es, in einer Gruppentherapie darüber zu sprechen und anderen, allerdings Nicht-Betroffenen, zuzuhören. Das war für mich gedanklich und emotional der Startschuss für die Gründung einer Selbsthilfegruppe.
AGUS e.V. hat mich insgeheim all die Jahre begleitet, immer wieder besuchte ich die Homepage und setzte mich mit dem Thema Trauer nach Suizid u.a. durch Literatur auseinander. Im November 2025 besuchte ich eine Fortbildung zur Gründung einer Selbsthilfegruppe über den Verein und wurde ordentliches Mitglied. Zudem suchte ich für die Gruppe beim Dachverband der NÖ Selbsthilfe um Mitgliedschaft an und wurde auch dort aufgenommen. Die VHS Amstetten stellt für unsere Treffen einen Raum kostenlos zur Verfügung. Für diese Unterstützung bin ich sehr dankbar und bin in allen Bereichen auf äußerst unterstützende und offene Menschen getroffen, um dieses Vorhaben umsetzen zu können.
Durch die AGUS-Gruppe in Amstetten hoffe ich, dass viele Menschen, die einen nahestehenden Angehörigen durch Suizid verloren haben, egal wann dies passiert ist, zusammenfinden und gemeinsam reden und einander zuhören dürfen. Wir dürfen füreinander da sein und gemeinsam aushalten. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft und niemand soll mit seiner Trauer und seinen Gefühlen allein sein müssen.
